Michelangelo und 10000 Lire

Einer der bedeutendsten Protagonisten der europäischen Kunstgeschichte feiert am 6. März seinen 550. Geburtstag: der Maler, Bildhauer, Baumeister (Architekt) und Dichter Michelangelo Buonarroti (1475–1564).
Anfang der 1960er Jahre brachte die Banca d’Italia eine neue Serie an Banknoten heraus, deren Gestaltung der Grafiker Fiorenzo Masino Bessi (1920–1973) übernahm. Für die Stückelungen zu 1000, 5000 und 10000 wurden Porträts von „großen Italienern“ von Giuseppe Verdi (Musik), Raffael (Malerei) und Michelangelo (Skulptur und Architektur) gewählt. Später ersetzte man dann Raffael durch den Entdecker Christoph Kolumbus. Ab dieser Serie nahmen die Lire-Noten, die zuvor dekorativ bzw. grafisch reduziert gestaltet waren, eine neue Bildsprache an: bedeutende Persönlichkeiten der Vergangenheit dienten nun als ideale Projektionsfläche der Gegenwart. Die erste Note dieser Serie war jene auf Michelangelo, die 1962 ausgegeben wurde.
Für die Darstellung griff man auf überlieferte gemalte Porträts des Künstlers zurück. Zum einen auf das vom Florentiner Maler Jacopino del Conte (1513–1598) zugeschriebene Bildnis von 1535 und zum anderen auf ein sehr ähnliches von Daniele da Volterra (1509–1566), der in der Werkstatt Michelangelos tätig war. Michelangelo unterstützte und förderte den ebenfalls aus der Toskana stammenden Künstler in Rom. Volterra wurde auch sein Nachfolger als Oberaufseher der Arbeiten im Petersdom. Das Gemälde wird ins Jahr 1545 datiert, als Michelangelo bereits etwa siebzig Jahre alt war. Beide Porträtdarstellungen zeigen ihn im Dreiviertelporträt nach rechts, mit Vollbart und markanten Falten im Gesicht. Der Blick zum Betrachter, zur Betrachterin erscheint ernst und nachdenklich.
In Anlehnung an die beiden gemalten Porträts, präsentiert jenes auf der Banknote Michelangelo in ein ovales Feld eingeschrieben im Dreiviertelprofil nach links (und damit gleichzeitig in gespiegelter Form). Er trägt einen schwarzen Mantel, darunter ein weißes Hemd, dessen Kragenspitze am Hals hervorsticht. Insbesondere die Herausarbeitung der Falten im Gesicht und seine Mimik weisen Parallelen zu den gemalten Bildnissen auf, die damit neu formuliert werden. Das Porträt auf der Banknote ist damit eine „Neuinterpretation“ der visuellen Überlieferungen zu Michelangelo. Es ist Ergebnis zweier gemalter Darstellungen und zugleich durch Anwendung des Kupferstichs ein neues Porträt. Als Beleg für die Neuinterpretation findet sich Massino Bessis Signatur unterhalb des ovalen Feldes.
Als Sicherheitsmerkmal dient im zweiten ovalen Feld ein Wasserzeichen, das den Kopf der David-Statue in Florenz und damit ein Hauptwerk des Künstlers zeigt.
Als zentrales Motiv auf der Rückseite findet sich die Architekturansicht des Kapitolsplatzes (Piazza del Campidoglio), dessen Gestaltung auf den Entwurf von Michelangelo zurückgeht. Als Vorbild für das Bildmotiv auf der Banknote diente wohl auch hier eine Darstellung, vermutlich jene von dem italienischen Zeichner Giuseppe Vasi (1710–1782) stammende undatierte Radierung. 1754 beginnt Vasi sein Buch mit Radierungen zu den Palästen Roms mit einer Ansicht des Palazzo Pontificio al Quirinale, der damaligen Residenz der Päpste, und schließt mit einer Ansicht der Palazzi di Campidoglio, in denen die administrativen Büros der Stadt Roms untergebracht waren. Und diese Ansicht finden wir nun auf der 10000-Lire-Note von 1962, sinnbildlich als Bezugnahme auf Michelangelo und gleichzeitig auch wieder auf die Republik.
Die Note zu 10000 Lire war von 1962 bis 1973 in Umlauf.
Bild: Banca d’Italia, Banknote zu 10000 Lire, 1962–1973, MK PG 39123